Glosse

Inside the opinion bubble: 'Wort und Wissen' feiert Umfrage




Wort und Wissen

Der evangelikale Verein WORT UND WISSEN (W+W) verkündet in der aktuellen Ausgabe seiner Quartalspostille (W+W-Info 3/2021) eine atemberaubende Neuigkeit. Die christliche Studiengemeinschaft präsentiert darin das Ergebnis einer Umfrage, die sich an ihre Anhängerschaft richtete. Letztere wurde gefragt, was sie von der Arbeit des Vereins halte.

Es handelt sich also nicht um ein Meinungsbild Außenstehender (geschweige denn eines repräsentativen Querschnitts der Bevölkerung), sondern einer handverlesenen Klientel. Und die unterstützt naturgemäß die wissenschafts-revisionistische Missionstätigkeit des Vereins. Wir müssen daher keine Propheten sein, um das Ergebnis der Umfrage zu erraten.

Ein hoher Prozentsatz der Befragten schickte, von messianischem Eifer beseelt, den Fragebogen komplett ausgefüllt an den Emittenten zurück. Der Anteil derer, die dem Verein ein positives Zeugnis ausstellten und ein "insgesamt ansprechendes und zeitgemäßes" Auftreten attestierten, war überragend. Dabei fiel den scharfsinnigen W+W-Analytikern auf, dass jene, die von ihren "Angeboten viel Gebrauch machen, sie deutlich besser bewerten als diejenigen, die sie nicht oder nur wenig nutzen".

Diese wahrhaft analytische Erkenntnis feiern die W+W-Granden wie eine Sensation: "Dieser Zuspruch erfüllt uns mit Begeisterung und großer Dankbarkeit!" Das Pathos erscheint glaubhaft. Nur: Das selektive Wahrnehmen eines kleinen Teils des Meinungsspektrums nennt man gemeinhin eine Meinungsblase. Eine Umfrage, beschränkt auf das W+W-Leitungsgremium, hätte wohl einen noch höheren Zuspruch erbracht. Dieser dürfte in der Echokammer des W+W-Universums noch gewaltigere Begeisterungsstürme ausgelöst haben.

Böse Zungen behaupten hinter vorgehaltener Hand, W+W schwimme im eigenen überschaubaren Süppchen. Eine relevante Außenwirkung sei nicht nachweisbar. Der Umstand, dass W+W eine interne Erhebung als Mittel zum Zweck der Selbstbeweihräucherung nutzt, bekräftigt diese Sicht.

Der Eindruck verstärkt sich dadurch, dass einige Angebote "selbst bei einem beachtlichen Teil der Wort-und-Wissen-Freunde relativ wenig bekannt" seien. Und: "Interessanterweise gaben 3% der Befragten an, die Schöpfungsforschung kritisch zu sehen." Dies ist so interessant wie folgerichtig, denn das Oxymoron "Schöpfungsforschung" löst bei wissenschaftstheoretisch Versierten geistige Wehen aus. Handelt es sich bei besagten 3% womöglich um subversive Elemente, die im Umfeld seriöser Wissenschaft zu verorten sind?

Im Übrigen scheint W+W an einem Nachwuchs- und Überalterungsproblem zu leiden: "Die Hälfte der Teilnehmer war älter als 55 Jahre und nur 3% jünger als 25 Jahre."

Es ist wahr: Die Ergebnisse erfüllen uns mit Begeisterung und großer Dankbarkeit. Beten und arbeiten wir dafür, dass sich der atavistische Einfluss von W+W weiter marginalisiert.


Autor: Martin Neukamm