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Kommentar

Der fossile Königsfarn: Herausforderung für die Evolution?

Reinhard Junker wusste es schon einmal besser


© by Kristian Peters, lizensiert nach CC 3.0. Quelle: Wikipedia

Seit den 1960er Jahren ist der Königsfarn Osmunda dafür bekannt, dass sich seine Grundorgane in den letzten 180 Mio. Jahren fast nicht veränderten. Diesen Befund der Stasis bestätigt ein ungewöhnlich gut erhaltenes Fossil aus dem schwedischen Unterjura neuerdings auf Zellebene: Das Exemplar befindet sich aufgrund der raschen Kalzifikation durch vulkanische Minerallösungen in einem hervorragenden Erhaltungszustand, selbst Zellstrukturen blieben in unerwarteter Detailtreue erhalten. BOMFLEUR et al. (2014), die über den Fund berichten, identifizierten sogar Zellkerne und Chromosomen in verschiedenen Teilungsstadien. Da die Verhältnisse mit denen heutiger Pflanzen übereinstimmten, folgern sie, dass die Genomgröße der Königsfarngewächse seit dem Erdmittelalter praktisch konstant blieb.

Die Autoren sprechen von einem bemerkenswerten evolutionären Stillstand. Sicher nicht weniger bemerkenswert ist, dass Reinhard JUNKER, der Geschäftsführer des evangelikalen Vereins WORT UND WISSEN, diesen Befund in ein Argument gegen Evolution ummünzt, freilich entgegen der Interpretation der Autoren:1)

"Wie kommt es, dass der mutmaßlich lang anhaltende Prozess der Evolution bei so vielen Organismen irgendwann zum weitgehenden Dauerstillstand gekommen ist? Ist eine innovative Evolution wirklich eine Grundeigenschaft des Lebens? Oder bestätigen lebende Fossilien nicht gerade das Gegenteil, dass den Veränderungen der Organismen Grenzen gesetzt sind?"

Nach diesen rhetorischen Fragen heißt es weiter:

"Lebende Fossilien wie die Königfarne sind eine Herausforderung für den Geltungsanspruch einer evolutionsbiologischen Interpretation des Lebens."

Das wusste Reinhard JUNKER allerdings schon einmal besser. Zur Frage "Sprechen lebende Fossilien gegen Evolution?" bemerkte dieser im Jahr 2006:

"Zahlreiche heute lebende Arten oder Grundtypen sind auch als Fossilien bekannt. Sie werden mit dem paradoxen Begriff 'lebende Fossilien' bezeichnet. Oft werden sie als Hinweise gegen Evolution gewertet, weil sie sich über große (angenommene) Zeiträume hinweg nicht oder kaum verändert haben. Dieses Argument hat jedoch kein starkes Gewicht, da Evolutionstheoretiker diesen Befund in ihrem Denkgebäude einigermaßen plausibel einordnen können. Denn nach der Evolutionstheorie gibt es keinen Veränderungszwang."

So ist es. Zunächst etwas Grundsätzliches zu Osmunda: Dr. Stefan SCHNECKENBURGER, der Leiter des Botanischen Gartens der TU Darmstadt, weist seine Besucher seit Jahren in einer Informationsbroschüre auf die Merkmalskonstanz in der Familie der Königsfarngewächse hin. Er lässt auch nicht unerwähnt, dass die unmittelbaren Verwandten bis in die Zeit des Perms (260 Mio. Jahre) zurückreichen und besonders in der Zeit des Jura und der Kreide noch erheblich artenreicher vertreten waren (s. auch BOMFLEUR et al. 2017). Die Stasis betrifft also im Wesentlichen nur jene Linie, deren Vertreter bis heute überlebt haben.

Dass Arten unterschiedlich schnell und in vielen Fällen gar nicht mehr evolvieren, ist keineswegs ungewöhnlich. Man denke an Cyanobakterien und an Stromatolithen, die sich seit 3 Mrd. Jahren so gut wie nicht verändert haben, oder an den Pfeilschwanzkrebs Limulus.

Häufig führt die Konstanz von Umweltbedingungen und Lebensräumen dazu, dass die Selektion stabilisierend wirkt. Ändern sich Ökosysteme über Millionen Jahre kaum, können Reliktfaunen überdauern, die anderswo verschwunden sind oder sich längst weiterentwickelt haben. Umgekehrt stehen Arten beim Wechsel in eine neue ökologische Zone unter besonders strengem Selektionsdruck, sodass sie oft schneller evolvieren. Gerade bei insulären Formen, wie etwa bei den Eidechsen von Pod Mrcaru, lassen sich immer wieder rasche Entwicklungsschübe beobachten (HERREL 2008), während die Artgenossen auf dem Festland in ihrer Entwicklung zurückbleiben. So kann es sein, dass von einem bestimmten Taxon 99% der Vertreter rund um die Welt kaum noch evolvieren, aber eine kleine Untergruppe auf irgendeinem Archipel eine drastische evolutive Veränderung erfährt.

Evolutionärer Stillstand kann auch das Ergebnis innerer Selektion sein: Lassen sich die embryonalen Entwicklungsstadien bzw. die ihnen zugrunde liegenden Gennetzwerke aufgrund der interdependenten, funktionellen Verflechtung der Merkmale kaum noch ohne Fitnesseinbußen modifizieren, sind statische Baupläne die Folge. Das bedeutet nicht, dass der Entwicklungsvorgang schon immer unabänderlich war, sondern nur, dass er nach Erreichen eines bestimmten Binnen-Milieus oder (lokalen) Optimums nicht mehr weiter evolviert.

Dies alles ist nicht neu und wird in der Evolutionsbiologie schon lange diskutiert. Dies wiederum wirft die interessante Frage auf, weshalb Reinhard JUNKER untaugliche (ja, von ihm selbst als nicht gewichtig anerkannte) Argumente wieder aus der Mottenkiste holt. Meines Erachtens kann es dafür nur psychologische Gründe geben.

Doch es kommt noch "besser":

"Darüber hinaus ergeben sich aber auch Anfragen dahingehend, ob die ermittelten Zeiträume wirklich reale Zeitabschnitte repräsentieren. Diese Anfrage wiegt umso schwerer, je vehementer man auf die Evolution als eine Grundeigenschaft des Lebens verweist."

Wie oft muss eigentlich noch betont werden, dass die zuverlässigste Methode der Altersbestimmung auf radiometrischen Datierungen beruht, und dass deren Ergebnisse in schöner Regelmäßigkeit durch unabhängige Methoden bestätigt werden (NEUKAMM 2014)?

JUNKER müsste, um die Faktizität der "ermittelten Zeiträume" infrage zu stellen, den Goldstandard der Zeitmessung angreifen, anstatt auf einen eigens gebastelten Pappkameraden zu schießen und auf "Voraussagen" der folgenden Art zu verweisen:

"Aus der Sicht der Schöpfungslehre ist das häufige Vorkommen lebender Fossilien nicht überraschend, ja dies kann sogar als eine Voraussage verstanden werden, die durch Forschung belegt oder auch widerlegt werden kann."

Nun sagt "die" [sic!] "Schöpfungslehre" allerdings etwas ganz anderes voraus, nämlich eine simultane Schöpfung aller "Grundtypen", und kein gradweise abgestuftes, sich über die gesamte Erdgeschichte hinziehendes, sukzessives Erscheinen immer komplexerer Formen im Fossilbefund. Diese seine Schöpfungslehre klar widerlegende Tatsache vergisst JUNKER ebenso zu erwähnen wie den folgenden Umstand: "Aus der Sicht der Schöpfungslehre" wäre JUNKER dazu verpflichtet den Nachweis zu führen, dass die allgemein anerkannte geologische Zeitskala um sechs Zehnerpotenzen verkürzt werden muss.

Wir müssen also feststellen, dass Reinhard JUNKER mit untauglichen Mitteln versucht, ein eingestürztes Weltbild zu restaurieren, noch dazu mit Argumenten, denen er vor Jahren "kein starkes Gewicht" beimaß. Hätte er sich mal besser an sein "Evolutionskritik update" aus dem Jahr 2006 erinnert.

Literatur

BOMFLEUR, B.; MCLOUGHLIN, S. & VAJDA, V. (2014) Fossilized nuclei and chromosomes reveal 180 million years of genomic stasis in royal ferns. Science 343, 1376-1377.

BOMFLEUR, B.; GRIMM, G.W. & McLOUGHLIN, S. (2017) The fossil Osmundales (Royal Ferns). A phylogenetic network analysis, revised taxonomy, and evolutionary classification of anatomically preserved trunks and rhizomes. PeerJ 5: e3433.

HERREL, A. et al. (2008) Rapid large-scale evolutionary divergence in morphology and performance associated with exploitation of a different dietary resource. PNAS 105, 4792–4795.

NEUKAMM, M. (2014) Radiometrische Datierung: Halbwertszeit und Altersbestimmung.





Fußnoten

Autor: Martin Neukamm



Copyright: AG Evolutionsbiologie