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Kommentar

     

Der fossile Königsfarn - eine Herausforderung für die Evolutionstheorie?  


Reinhard Junker wusste es schon einmal besser  

     

Auf der Internetplattform Genesisnet.info der Studiengemeinschaft Wort und Wissen wird auf den ungewöhnlichen Fall eines "lebenden Fossils" verwiesen – auf den Fund eines fossilen Königsfarns aus dem schwedischen Unterjura. Die 180 Mio. Jahre alte Pflanze befindet sich aufgrund der raschen Kalzifikation durch vulkanische Minerallösungen in einem hervorragenden Erhaltungszustand, selbst Zellstrukturen blieben in unerwarteter Detailtreue erhalten. BOMFLEUR et al. (2014), die über den Fund berichten, identifizierten sogar Zellkerne und Chromosomen in verschiedenen Teilungsstadien. Anhand vergleichender Studien mit rezenten Vertretern schließen sie daraus, dass sich das Genom der Pflanze kaum verändert habe, ein "hervorragendes Beispiel eines evolutionären Stillstands". 

Obwohl es sich bei diesem Fund um eine interessante aber in Bezug auf die groben Linien der Evolutionstheorie eher nachrangige Erkenntnis handelt, weil sie am Stand des Wissens kaum etwas ändert, wird dieser Befund – wohlgemerkt: entgegen der Interpretation der Autoren! - in ein Argument gegen Evolution umgemünzt. Auf der kreationistischen Internetplattform (JUNKER 2014) lesen wir: 

"Wie kommt es, dass der mutmaßlich lang anhaltende Prozess der Evolution bei so vielen Organismen irgendwann zum weitgehenden Dauerstillstand gekommen ist? Ist eine innovative Evolution wirklich eine Grundeigenschaft des Lebens? Oder bestätigen lebende Fossilien nicht gerade das Gegenteil, dass den Veränderungen der Organismen Grenzen gesetzt sind?"

Nach diesen rhetorischen Fragen heißt es dann weiter unten: 
"Lebende Fossilien wie die Königfarne sind eine Herausforderung für den Geltungsanspruch einer evolutionsbiologischen Interpretation des Lebens." 

 

Das wusste der Autor Reinhard JUNKER allerdings schon einmal besser. In seiner "Evolutionskritik update (2)" bemerkte er unter Punkt 2 ("Sprechen lebende Fossilien gegen Evolution?") (JUNKER 2006): 

"Zahlreiche heute lebende Arten oder Grundtypen sind auch als Fossilien bekannt. Sie werden mit dem paradoxen Begriff 'lebende Fossilien' bezeichnet. Oft werden sie als Hinweise gegen Evolution gewertet, weil sie sich über große (angenommene) Zeiträume hinweg nicht oder kaum verändert haben. Dieses Argument hat jedoch kein starkes Gewicht, da Evolutionstheoretiker diesen Befund in ihrem Denkgebäude einigermaßen plausibel einordnen können. Denn nach der Evolutionstheorie gibt es keinen Veränderungszwang. Wenn ein Teil der Lebewesen sich lange Zeit nicht verändert, so wird das z. B. auf konstante Umweltbedingungen zurückgeführt. Gleichzeitig, so wird argumentiert, habe sich ein Teil der Lebewesen aber weiterentwickelt, der Teil nämlich, der unter veränderte Umweltbedingungen geriet (es kommen auch andere Gründe in Frage). Wie gut die evolutionstheoretische Argumentation ist, kann nur von Fall zu Fall bei näherer Betrachtung beurteilt werden."  (Hervorhebung im Schriftbild von M.N.)
   

So ist es. Zunächst etwas Grundsätzliches zu Osmunda: Es ist, wie JUNKER selber bemerkt, schon länger bekannt, dass die Familie der Königsfarngewächse eine bemerkenswerte Mermkalskonstanz zeigt; unser Mitglied Stefan SCHNECKENBURGER weist die Besucher seines Botanischen Gartens in einer Informationsbroschüre seit Jahren darauf hin. Es wird aber auch dazu gesagt, dass die unmittelbaren Verwandten bis in die Zeit des Perm (260 Mio. Jahre) zurück reichen und früher (besonders in der Zeit des Jura und der Kreide) noch erheblich sippenreicher vertreten waren. Die Merkmalskonstanz scheint erst später (in einer Linie?) aufgetreten zu sein! Diesbezüglich liefert die Arbeit von BOMFLEUR et al. (2014) also nichts Neues, sie bestätigt vielmehr das, was wir bereits wissen.

Generell ist schon seit vielen Jahrzehnten bekannt, dass Arten unterschiedlich schnell evolvieren und in vielen Fällen überhaupt nicht mehr. Man denke etwa an Cyanobakterien und an Stromatolithen, die sich seit rund 3 Mrd. Jahren so gut wie nicht verändert haben, oder an den Pfeilschwanzkrebs Limulus

Man muss sich Folgendes klar machen: Geografische, ökologische, selektionstheoretische und entwicklungsgenetische Aspekte (constraints) entscheiden gemeinsam darüber, ob und falls ja, wie schnell sich ein evolutiver Wandel vollzieht. In der Tendenz kann man sagen, dass beim Wechsel in eine neue adaptive Zone die betreffenden Arten oder Artmerkmale unter besonders strengem Selektionsdruck stehen, woraufhin sie besonders schnell evolvieren, während wiederum andere in ihrer Entwicklung zurückbleiben. Gerade bei insulären Formen wie etwa bei den Eidechsen von Pod Mrcaru lassen sich immer wieder rasche Entwicklungsschübe beobachten (HERREL 2008), während die Artgenossen auf dem Festland kaum evolutionäre Veränderungen zeigen. Es kann also durchaus sein, dass von einem bestimmten Taxon 99% der Vertreter rund um die Welt kaum noch evolvieren, aber eine kleine Untergruppe auf irgendeinem Archipel eine drastische evolutive Veränderung erfährt. 

Die Konstanz von Umweltbedingungen und Lebensräumen führt also häufig dazu, dass die Selektion stabilisierend wirkt, Merkmalsänderungen entgegen wirkt. Auch stammesgeschichtliche "Vorentscheidungen" (constraints) können im Einzelfall die weitere Entwicklung von Strukturen stark behindern. Im Extremfall könnte eine sehr hohe Bebürdung bis zur totalen Konstanz eines Bauplans führen, selbst wenn hohe Selektionsdrücke eine Veränderung des Bauplans "zu fordern" scheinen.  

Dies alles ist überhaupt nicht neu und wird in der Evolutionsbiologie schon lange diskutiert. Dies wiederum wirft die interessante Frage auf, weshalb Reinhard JUNKER untaugliche (ja, von ihm selbst als nicht gewichtig anerkannte) Argumente wieder aus der Mottenkiste holt. Meines Erachtens kann es dafür nur psychologische Gründe geben.

Doch es kommt noch besser. JUNKER weiter: 

"Darüber hinaus ergeben sich aber auch Anfragen dahingehend, ob die ermittelten Zeiträume wirklich reale Zeitabschnitte repräsentieren. Diese Anfrage wiegt umso schwerer, je vehementer man auf die Evolution als eine Grundeigenschaft des Lebens verweist." 

   

Wie oft muss eigentlich noch darauf hingewiesen werden, dass (neben der Warvenanalyse etwa) die zuverlässigste Datierungsmethode auf radiometrischen Messungen beruht? Wir wissen aus der Kernphysik, dass Radioisotope konstante Halbwertszeiten haben und können anhand des Gehalts von Radionukliden im Gestein den Zeitraum ermitteln, der seit der Erstarrung des Gesteins verstrichen ist. Anhand natürlicher Kernreaktoren wie etwa dem Naturreaktor in Oklo kann man empirisch nachweisen, dass sich die Halbwertszeiten seit mindestens 1,5 Milliarden Jahren nicht verändert haben! Außerdem lassen sich mithilfe der so genannten Isochronenmethode Unsicherheiten bezüglich des Anfangsgehalts von Tochternukliden eliminieren, so dass die radiometrische Altersbestimmung heute der allgemein anerkannte Goldstandard der geologischen Zeitmessung ist. (Eine sehr lesenswerte Einführung zu diesem Thema, insbesondere auch zur Isochronenmethode, findet sich bei WASCHKE 1997). 

JUNKER müsste also, um die Faktizität der "ermittelten Zeiträume" infrage zu stellen, den Goldstandard der Zeitmessung angreifen, anstatt auf einen eigens gebastelten Pappkameraden zu schießen. Doch er bemerkt weiter: 

"Aus der Sicht der Schöpfungslehre ist das häufige Vorkommen lebender Fossilien nicht überraschend, ja dies kann sogar als eine Voraussage verstanden werden, die durch Forschung belegt oder auch widerlegt werden kann." 

Nun sagt "die Schöpfungslehre" allerdings etwas ganz anderes voraus, nämlich eine simultane Schöpfung aller "Grundtypen", und kein gradweise abgestuftes, sich über die gesamte Erdgeschichte hinziehendes, sukzessives Erscheinen immer komplexerer Formen im Fossilbefund! Diese Tatsache, die seine Schöpfungslehre augenblicklich obsolet werden lässt, vergisst JUNKER freilich ebenso zu erwähnen wie den Umstand, dass "aus der Sicht der Schöpfungslehre" JUNKER dazu verpflichtet wäre den Nachweis zu erbringen, dass die allgemein anerkannte geologische Zeitskale um 6 Zehnerpotenzen gestaucht werden muss! Erinnern wir uns daran, dass seine "Sicht der Schöpfungslehre" durch die Forschung bestenfalls dann gestützt wäre, wenn sich belegen ließe, dass die Erde nur etwa 10.000 Jahre alt ist statt der heute bestens abgesicherten 4.540.000.000 Jahre! 

Wir müssen also feststellen, dass Reinhard JUNKER einen Nebenkriegsschauplatz inszeniert und mit untauglichen (im Übrigen entkräfteten) Argumenten versucht, ein empirisch widerlegtes Weltbild wieder zu beleben – noch dazu mit Argumenten, denen er vor Jahren noch selbst "kein starkes Gewicht" beimaß, "da Evolutionstheoretiker diesen Befund in ihrem Denkgebäude einigermaßen plausibel einordnen können"! Hätte er sich mal besser an seinen Artikel aus dem Jahr 2006 erinnert. 

   

Literatur


BOMFLEUR, B./MCLOUGHLIN, S./VAJDA, V. (2014) Fossilized nuclei and chromosomes reveal 180 million years of genomic stasis in royal ferns. Science 343, 1376-1377.

HERREL, A. et al. (2008) Rapid large-scale evolutionary divergence in morphology and performance associated with exploitation of a different dietary resource. PNAS 105, 4792–4795.

JUNKER, R. (2006) Evolutionskritik update (2). Zweite Folge von 'Die richtigen Argumente gegen Evolution einsetzen'. www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=disk/d98/1/d98-1m.html

JUNKER, R. (2014) Königsfarn – 180 Millionen radiometrische Jahre lang unverändert.
www.genesisnet.info/index.php?News=209.

WASCHKE, T. (1997) Datierung nach der Isochronmethode.
www.waschke.de/twaschke/artikel/isochron/isochron.htm

   

   

Autor: Martin Neukamm

     

          

     

   

                        

           


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol.          16.04.2014          Last update: 17.04.2014