Druck-Version

Druck-Version




Besprechung

Dendrochronologie: Altes Eichenholz und uralte Pferde

Wie man sich und andere verwirrt. Anmerkung zu zwei Texten


Dendrochronologie

Die Studiengemeinschaft WORT UND WISSEN (W+W) publizierte im Internet eine umfangreiche Blattsammlung über die "Gültigkeit und Grenzen" der geologischen Zeitmessung.1) Damit wird der Anspruch erhoben, die Zuverlässigkeit von Datierungsmethoden in Kosmologie, Geologie und Biologie wissenschaftlich anzuzweifeln.

An diesem Unternehmen ist erst einmal interessant, dass es überhaupt stattfindet. Denn Vertreter von W+W behaupten immer wieder, der Kurzzeit-Kreationismus im Stil des amerikanischen "scientific creationism" sei nicht ihre Position. Das mag für Einzelpersonen zutreffen; dennoch bedient die Studiengemeinschaft den Markt der Kurzzeit-Kreationisten, die nach Bestätigung durch scheinbar wissenschaftliche Argumente suchen. Es soll für sie zumindest als naturwissenschaftliche Möglichkeit erscheinen, dass Gott die Welt in sechs Kalendertagen erschuf, und dass diese Welt heute rund 10.000 Jahre alt ist.

Weder Langzeit-Kreationisten wie der Türke Adnan Oktar, noch die Bewegung für ein "intelligentes Design" in den USA, müssen den schulmäßigen Zeitrahmen von Kosmologie und Geologie in Frage stellen, das muss nur der "scientific creationism". Und deshalb muss es auch W+W. Die folgenden Kurzrezensionen behandeln die Blätter 2-35 "Pferdeevolution und Messung der Zeit" sowie 5-01 "Dendrochronologische Methode", beide von M. KOTULLA.

Das Blatt 2-35 bezieht sich auf Arbeiten von 1914, 1922 und 1931, deren Autoren damals versuchten, die Dauer geologischer Epochen anhand der vermutlichen Dauer der Evolution der Pferde abzuschätzen. Eine Reihe fossiler Huftiere war bereits bekannt, die zur heutigen Gattung Equus hinführen. Die Überlegungen – die im Einzelnen hier nicht dargestellt werden – waren gemessen am Wissensstand dieser Zeit nicht unvernünftig, allerdings auch damals spekulativ. Der wichtigste Autor, W.D. MATTHEW (1914), stellt das selbst fest. Immerhin war und ist klar, dass evolutionäre Innovationen bei einem großen Säugetier mit einer Generationsdauer von mehreren Jahren lange Zeit in Anspruch nehmen. Aber wie lange genau, vor allem über sehr viele Generationen hinweg, lässt sich – wie wir heute wissen – nicht sagen.

Die Arbeiten wurden verfasst, bevor Grundbegriffe wie "Gen" und "Mutation" molekular verstanden waren. Der Neovitalismus von Hans DRIESCH hatte damals noch hohes Ansehen, die Synthetische Evolutionstheorie lag noch eine Generation in der Zukunft. Dennoch waren die Schätzungen größenordnungsmäßig nicht schlecht: Für das Tertiär (heute 60 Millionen Jahre) ergaben sich zum Beispiel 30 bis 50 Millionen Jahre. Ob das nun Glück war oder Können: Solche Texte sind nur noch Stoff für die Wissenschaftsgeschichte. Deshalb kann man beim Nachlesen kaum glauben, dass KOTULLA dies seiner Leserschaft nicht mitteilt.

Wer nicht selbst fachkundig ist muss meinen, es ginge um Indizien für die Unzuverlässigkeit geologischer Zeitskalen. Schon die Überschrift suggeriert dies: "Das 'Paradepferd' der Entwicklungslehre kann keinen realen Beitrag zum Problem des Alters der Erde leisten." Dann folgt ein Zitat von W.D. Matthew: "Es gibt bislang keinen zufriedenstellenden Weg, das Alter der Erde und die Länge der geologischen Perioden abzuschätzen."

Am Schluss heißt es: "Der Versuch von MATTHEW, das Alter der Erde über die organische Evolution zu schätzen, reiht sich ein in die zahlreichen, nicht verifizierbaren Versuche anderer Autoren." Man ist nur noch sprachlos. Die Pferdereihe hat nun wahrlich nichts mit der Ermittlung des Erdalters zu tun (und außer KOTULLA behauptet das auch niemand). Wissenschaftlich gibt es nichts zu diskutieren, und moralisch... das möge man selbst beantworten.

Das Blatt 5-01 "Dendrochronologische Methode – Übersichtsblatt" ist kurz gehalten. Die Grundlagen der Methode werden dennoch korrekt wiedergegeben: Ausgangspunkt sind die Jahresringe, die Bäume in gemäßigten Breiten bilden. Da die Wachstumsbedingungen von Jahr zu Jahr schwanken, entstehen für jede Art charakteristische Ringmuster. Hat man Proben, deren Muster sich überlappen, lässt sich das Jahresringmuster über mehrere bis viele Baumgenerationen in die Vergangenheit fortschreiben. Dazu sind aus statistischen Gründen Proben mit rund 80 Jahresringen nötig. Es entsteht eine sogenannte Jahrringchronologie.

Reicht sie von der Vergangenheit lückenlos in die Gegenwart, können die Jahresringe einer Baumprobe absolut bis auf ein Jahr genau datiert werden. Besonders geeignet sind langlebige Baumarten mit dauerhaftem Holz. Beispiele sind die mitteleuropäische und die irische Eichen-Chronologie, die durch die überlappenden Lebenszeiten der Bäume rund 12.000 bzw. rund 7.000 Jahre abdecken. Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Borstenkiefern-Chronologie (Englisch: bristlecone pine chronology), die rund 9.000 Jahre zurück reicht. Da diese Hochgebirgsform der Kiefer (Kalifornien) bis 5.000 Jahre alt werden kann und das Holz nach dem Absterben sehr langsam verrottet, werden dafür nur wenige Holzproben benötigt.

Schon ohne Überlappung würden zwei Generationen dieses Baums bis zu 10.000 Jahre abdecken. Der Hohenheimer Jahresringkalender erstreckt sich inzwischen lückenlos über 14.600 Jahre, und es werden laufend mehr. Wer sich eine solche Probenreihe selbst angesehen hat, kann an der Validität der Methode kaum Zweifel haben. Heute werden die Proben allerdings virtuell durch Computerprogramme ausgewertet, die ermittelten Korrelationskoeffizienten sind dadurch sehr zuverlässig.

Wie sieht nun die Kritik daran aus? Einmal bestreitet KOTULLA die Korrelierbarkeit überlappender Holzproben. Eine Begründung dafür hat er nicht - es gibt auch keine. Da es sich um statistische Standardverfahren handelt, die auf unkomplizierte Daten angewandt werden, ist seine Kritik unverständlich. Störfaktoren, wie zum Beispiel Alterstrends, Autokorrelation, Rauschen und anderes, gibt es zwar, doch sie lassen sich mithilfe eines umfangreichen Instrumentariums an mathematischen Methoden aus den Daten herausrechnen.

Als Fehlerquelle bei der Datierung kommen auch so genannte Scheinjahrringe infrage, womit gemeint ist, dass ein Baum in seltenen Fällen zwei oder mehrere Ringe pro Jahr ausbilden kann. Diese sind aber meist deutlich von echten Jahrringen unterscheidbar.2) Fehlerhafte Zuordnungen überlappender Baumringmuster sind danach noch immer möglich, können aber dadurch erkannt und korrigiert werden, dass man mehrere voneinander unabhängige Chronologien erstellt und diese dann miteinander abgleicht. Stimmen die Muster zweier oder mehrerer Chronologien überein, ist dies ein starkes Indiz für die Richtigkeit der Chronologien. Was KOTULLA dagegen einzuwenden hat, sagt er nicht.

Weiter behauptet er: "Für Lang-Chronologien... erfolg(t)en generell 14C-(Vor)datierungen. So kann über die Validität der Lang-Chronologien keine Aussage gemacht werden." Was er mit Lang-Chronologien meint, bleibt dabei unklar. Für die erwähnten, kompletten Jahrringchronologien ist seine Behauptung falsch. Die Radiokarbon-Methode wird durch die absolute Jahreszählung dieser Reihen kalibriert, nicht umgekehrt. Dadurch gibt es einen hochauflösenden, besonders exakten Messbereich der Radiokarbon-Methode bis ca. 12.000 Jahre zurück, während die Messgenauigkeit danach abnimmt.

KOTULLAs Aussage trifft lediglich auf die (naturgemäß häufigen) Holzproben zu, die sich nicht einer solchen kompletten Chronologie zuordnen lassen, sondern die z. B. zu einer so genannten "schwimmenden Chronologie" gehören, die nicht bis zur Gegenwart bzw. zu einem datierbaren historischen Punkt reicht, zeitlich also nicht ohne Weiteres zuordenbar ist. Aber dass die vollständigen Jahrringchronologien überhaupt existieren, beweist eben, dass in den letzte 14.000 Jahren in Europa Laubwälder wuchsen, wie sie bis heute vorhanden sind, keine Karbon-Schwimmwälder, keine eozänen Tropenwälder und andere - vom Kurzzeit-Kreationismus angenommenen - Seltsamkeiten.

Es ist kein Zufall, dass Kotulla die etablierten Jahrringchronologien wie den Hohenheimer Jahrringkalender und ihre Zeitskalen mit keinem Wort erwähnt. Es gilt dasselbe wie im Fall der Pferde-Evolution: Wer nicht selbst fachkundig ist, wird verwirrt und getäuscht. Es geht KOTULLA nicht um wissenschaftliche Kritik, sondern um die Destruktion von Wissenschaft.




Fußnoten

[1] KOTULLA, M. (2014) Gültigkeit und Grenzen geologischer Zeitbestimmung. Online-Loseblattsammlung, Stand: 2. Lieferung 3/2014.

[2] Das Gegenteil wären fehlende Jahrringe, was manchmal bei schlechter Witterung auftritt. Bei ihrer Identifizierung ist die Erfahrung des Dendrochronologen gefragt - nicht so aber bei Eichen, die jedes Jahr einen Jahrring ausbilden.

Autor: Hansjörg Hemminger



Copyright: AG Evolutionsbiologie