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Kommentar

     

Kant ist tot? Eine Glosse von Andreas Beyer 


Biologismus und kein Ende - Teil 3

     

Am 14 Nov 2017 publizierte Walter STINDT auf der Homepage der Richard-Dawkins-Foundation sowie im Brightsblog [1] einen Artikel, der das Totenglöckchen für Immanuel KANTs Kategorischen Imperativ läutet. Worum geht es? 

STINDT behauptet, die "KANTsche Ethik liegt schlichtweg und objektiv belegbar falsch", weil sie "durch die Naturwissenschaften eindeutig widerlegt" worden sei. Laut STINDT sei der kategorische Imperativ "eine brillante Ethik für Menschen, die es [allerdings] gar nicht gibt", zwar "ein wundervolles Konstrukt, das stringent logisch und raffiniert durchdacht wurde", aber eben ungeeignet für reale Menschen. Es sei eindeutig belegt, dass unser Bewusstsein keine echte Kontrollfunktion habe, "und damit kollabiert das gesamte Konzept." 

Kurz: Wie LIBET & Co. gezeigt hätten, sei der Mensch zu "bewussten" und "eigenen" Entscheidungen gar nicht fähig, das Gehirn habe schon entschieden, bevor unser Bewusstsein etwas davon mitbekommt. Und daher können wir auch dem Kategorischen Imperativ nicht folgen, weil wir "die tatsächlichen Beweggründe hinter unseren Handlungen gar nicht kennen". Wir folgen stattdessen ... ja, wem oder was denn eigentlich? 

Zunächst einmal wird der Kategorische Imperativ falsch dargestellt: Es geht nicht darum [Zitat STINDT] "Wenn das alle täten…". Es geht darum, was mit der Gesellschaft passiert, wenn man eine bestimmte Handlungsmaxime als allgemeingültig erklärt. KANT legt dar, dass bestimmte Maximen mit einem geregelten und menschenwürdigen Miteinander vereinbar sind und andere nicht. Nach seiner Auffassung kann der Mensch diese Zusammenhänge erkennen und er fordert: er möge sich dann auch bitte daran orientieren! 

So weit, so gut. Nur wüsste ich nicht, dass KANT je behauptet hätte, er, der große Philosoph, habe es nun erklärt und - Xalahup"! - ab sofort werden alle Menschen sich daran halten: Friede, Freude , Eierkuchen... So dumm war er nicht und so dumm ist und war auch kein Kantianer. 

Es geht tatsächlich um etwas völlig anderes: KANT leitet eine Ethik her, und zwar systematisch, formal und stringent. Damit nimmt er die Ethik aus dem Zugriff der Religion, der Gebräuche und des Gewohnheitsrechts heraus, und bis zu einem gewissen Grad verallgemeinert er sie auch vor unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Es geht also um die Begründung und Rechtfertigung ethischer Grundsätze und Leitlinien - nicht darum, dass selbige damit automatisch und bei jedem Menschen wirksam seien. 

Nochmals anders gesagt: Selbstverständlich folgen wir den Entscheidungen unseres Gehirns - wem denn auch sonst? Unseren Fußnägeln, den Sternbildern, dem Ostwind? Abgesehen davon ist es doch eine seltsame Idee, auf diese Art und Weise "uns" konzeptionell von unserem Gehirn zu trennen: Wenn "mein Gehirn entscheidet", dann entscheide ICH. Wer sonst, es ist ja schließlich MEIN Gehirn. Was STINDT, und da ist er wahrlich in illustrer Gesellschaft, als Konzept eines "freien Willens" im Hinterkopf hat, ist ein krasser logischer Zirkelschluss: Gäbe es einen "freien Willen", hätte dieser keinerlei Verbindung zu allem, was mich als Person auszeichnet. Er wäre dann aber nicht mein eigener Wille, sondern ein Fremdkörper, der in seiner absoluten Freiheit z. B. von mir "verlangen" könnte, mich spontan vom Dach fallen zu lassen oder in die 23. Dimension zu springen. (In diesem Zusammenhang empfehle ich das Buch Das Handwerk der Freiheit von Peter BIERI zur Lektüre). Bliebe dann noch die Frage, woher ein solche freier Wille sein "Wollen" bezöge? Entspringt es dem Zufall, der Willkür, würfelt er? Oder speist es sich aus Gottes Odem, einem kryptischen Algorithmus? Aber was wäre an einem solchen Willen überhaupt noch "frei"? 

Dass unser Wille verursacht ist, und dass letztlich neuronale Aktivität dahinter steckt, ist ein alter Hut. Die Idee des Geist-Materie-Dualismus ist (aus guten Gründen) argumentativ erledigt. Aber darum geht es hier nicht. Es geht hier um die Frage, wie man ein Moralprinzip herleiten und begründen kann, nicht mehr und nicht weniger. Und wenn man dies den Gehirnen der Menschen erklärt (Homo-sapiens-Hirne sind empfänglich für logisch nachvollziehbare Erläuterungen!), dann wird das in die synaptischen Muster hinreichend vieler Menschen eingehen, so dass sie in der Lage sind, die Logik dahinter nachzuvollziehen. Und so werden (hoffentlich) die Synapsen vieler, vieler Menschen zukünftig dafür sorgen, dass ihre Träger dann auch gemäß der KANT'schen Ethik handeln.

Lieber Herr STINDT: Wenn man das, was Sie schreiben, konsequent zu Ende denkt, können wir auch die Legislative abschaffen, denn der Mensch handelt ja eh nicht nach Einsicht - wozu also Gesetze, wenn sie ja doch immer und immer wieder gebrochen werden? Wir können uns auch alle Mühen schenken, für auch nur irgendetwas zu argumentieren, denn das Gehirn hat ja sowieso schon entschieden (...wobei... man fragen sich: Wer denn wohl sonst?). Wozu also Ihr Text? Sollten Sie nicht dem Ruf Ihrer Gene folgen und an Machterhalt und Fortpflanzung arbeiten, das wäre effektiver! 

Spaß beiseite. KANT ist tot ist wieder einmal ein Beispiel für eine kategorial falsche Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden auf geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Fragestellungen. Schuster, bleib bei deinen Leisten!       

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Quellen


[1]Siehe: https://de.richarddawkins.net/articles/kant-ist-tot, Zugr. am 12 Dezember 2017, sowie: https://brightsblog.wordpress.com/2017/11/15/kant-ist-tot/

     

   

Autor: Andreas Beyer

     

     

          

     

   

                        

              

   


© AG Evolutionsbiologie des VBio.          20.08.2018