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Diskussionsbeitrag 


Evolution, Kulturen, Fortpflanzung, Björn Höcke und die AfD

Wie rassistisches Gedankengut  durch die AfD salonfähig gemacht wird

   

Der AfD-Fraktions- und Parteivorsitzende Björn Höcke behauptete unlängst in einer Rede[1], dass das Reproduktionsverhalten der Afrikaner grundsätzlich von dem der Europäer abweiche. Afrika und Europa hätten, evolutiv bedingt, zwei verschiedene Reproduktionsstrategien: In Afrika herrsche die "r-Strategie", der "Lebens-bejahende Ausbreitungstyp" vor, was auf hohes Wachstum ziele, während Europa die "K-Strategie" verfolge, der "selbst-verneinende Platzhaltertyp", welcher die Kapazität des Lebensraums nutze. Populationsökologisch bedeute dies, dass der Bevölkerungsüberschuss Afrikas per Abwanderung von 30 Millionen Menschen nach Europa aufgefangen werde. Afrika brauche folglich die undurchlässigen Grenzen Europas als Anstoß zu seiner Entwicklung, um so "zu einer ökologisch nachhaltigen Bevölkerungspolitik zu finden".[2] 

Das klingt natürlich vereinfacht, aber zunächst einmal recht überzeugend: Wer hätte noch nicht vom drastischen Geburtenüberschuss in Afrika gehört und davon, dass die Bevölkerungszahlen in Europa längst rückläufig sind? Und da Höcke Gymnasiallehrer ist, sollte er doch wissen, wovon er spricht. Schauen wir also einmal näher hin - was sind das für Fortpflanzungsstrategien?

   

K- und r-Strategen 


Die Ökologen Edward O. WILSON und Robert MacARTHUR formulierten Mitte des 20. Jahrhunderts ein Modell, mit dem sie Populationsdynamiken z.B. bei Besiedlung neuer Lebensräume beschrieben. Populationen wachsen mit einer [a] von den Lebensbedingungen und [b] durch die Konstitution der betreffenden Spezies begrenzter Rate r, bis sie an die ökologisch bedingten Kapazitätsgrenzen K stoßen. Dabei bezieht sich [a] auf die verfügbaren Ressourcen sowie einschränkende Bedingungen (Räuber, Katastrophen) und [b] bedeutet schlichtweg, dass manche Arten wenige, andere viele Nachkommen haben können. Zum Beispiel sind Menschen mit mehr als 10 Kindern eine große Seltenheit, erst recht ohne medizinische Rundum-Versorgung. Hausmäuse bringen es auf bis zu 100 Nachkommen in 2-3 Jahren. Bäume produzieren Tausende von Samen pro Jahr, können also in ihrem Leben Hunderttausende Nachkommen produzieren.

In mehr als einem halben Jahrhundert Forschung seit WILSON und MacARTHUR hat sich natürlich eine Menge getan, und das Bild wurde erheblich verfeinert. Wir können die Zusammenhänge hier nur streifen aber das wird zur Beurteilung von Höckes Darstellungen hinreichend sein:

  1. Grundsätzlich verfolgen zwar alle Spezies insofern eine "r-Strategie", als sie in der Lage sein müssen, neue Lebensräume zu füllen sowie nach Populationseinbrüchen den Bestand zu regenerieren. Daher produzieren alle Lebewesen einen Überschuss an Nachkommen. Jedoch: Von "r-Strategie" spricht der Biologe nur, wenn die betreffende Art sehr viele (mindestens Hunderte) Nachkommen produziert, die dann weitgehend sich selbst überlassen bleiben. Dazu zählen z.B. Frösche, die Hunderte bis mehrere Tausend Eier legen. Menschen (völlig egal, ob Afrikaner oder nicht) sind also nicht im Entferntesten als r-Strategen einzustufen, sondern typische K-Strategen.
  2. Es gibt zwischen "r-" und "K-Strategie" ein breites Spektrum von Varianten; z.T. gibt es Spezies, die abhängig von den Umweltbedingungen mehr oder weniger viel Nachwuchs hervorbringen. Ein Beispiel sind viele Baumarten, die in schlechten Zeiten wesentlich mehr Samen erzeugen als sonst. 
  3. Ein ganz wesentlicher Punkt ist auch das Ausmaß an Fürsorge, das in die Nachkommen investiert wird. Je mehr die Eltern in den Nachwuchs investieren, desto geringer ist deren Anzahl, desto dominanter die K-Strategie. Zwei Extrembeispiele sind: [a] Bovisten - die Spitzenreiter dieser Pilze bringen es auf bis zu eine Billion Sporen, die jedoch ohne jede Reserve, ohne jeden Schutz in die Welt entlassen werden; Bovisten sind klare r-Strategen. [b] Am anderen Ende der Skala liegen wir Menschen; wir können nur wenige Nachkommen zur Welt bringen; diese werden umso intensiver versorgt, behütet und viele Jahre lang aufgezogen. Die meisten Säuger verfolgen daher eine typische "K-Strategie"; lediglich Kleinsäuger - wie die bereits erwähnten Mäuse - kommen einer r-Strategie nahe.
  4. Welche Art welche Strategie verfolgt, ist angeboren, also im Genom festgeschrieben. Manchmal gibt es Unterschiede zwischen Unterarten, ganz sicher aber nicht zwischen Menschenrassen und -populationen.

   

Höckes Ideen kritisch betrachtet 


Schauen wir nun vor diesem Hintergrund erneut auf die Idee unterschiedlicher Fortpflanzungsstrategien in Afrika und Europa. Bei näherem Hinsehen zeigen sich etliche Fehler in Höckes Ideengebäude:

  • Alle Menschen gehören nicht nur zur selben Spezies Homo sapiens, sondern darüber hinaus zur selben Unterart Homo sapiens sapiens: Alle Menschen dieser Erde sind genetisch sehr eng miteinander verwandt. Während sich zwei Fruchtfliegen derselben Population in 2,5% ihres Genoms unterscheiden, betragen die Unterschiede zwischen menschlichen Genomen - unabhängig von Ethnie, Rasse und Population - gerade einmal 0,1%, also 25mal weniger als bei Fruchtfliegen. Allein darum ist es in der Sache völlig abwegig zu glauben, evloutionsbedingt besäßen verschiedene Menschengruppen derart unterschiedliche Verhaltensweisen. Folglich gibt es auch keinerlei Daten, die in eine solche Richtung weisen würden: Niedrige Geburtenraten sind selbst in den Industrienationen ein sehr junges Phänomen (Stichwort "Pillenknick"); und sogar, wenn man dies mit berücksichtigt, liegen die globalen Unterschiede in den Geburtenraten bei gerade einmal Faktor 4.  
  • Homo sapiens sapiens entstand vor einer Viertelmillion Jahren in Afrika und hat gut 3/4 seiner Zeit allein dort verbracht. Daher ist die genetische, sprachliche und überhaupt kulturelle Diversität auf diesem Kontinent am größten. Allein aus diesem Grunde ist es naiv, die Afrikaner als homogene Gruppe anzusehen, die allesamt eine ganz bestimmte (Fortpflanzungs-)Strategie verfolgen. Die Geburtenraten sind nicht nur in Afrika, sondern auf jedem Kontinent unserer Erde alles andere als einheitlich. 
  • Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass in Europa bis vor etwa 100 Jahren ein erheblicher Geburtenüberschuss herrschte - übrigens einer der Gründe für die Auswanderungsbewegung nach Amerika. Heute haben wir ein Geburtendefizit. Um Höckes Ideen aufrecht zu erhalten, müsste man also postulieren, dass in gerade einmal 100 Jahren die Evolution dafür gesorgt hätte, dass sich unsere Gene für das Fortpflanzungsverhalten erheblich verändert hätten. Selbst dem Laien wird auffallen: Hier kann etwas nicht stimmen. Zum Vergleich: Selbst nach 10.000 Jahren Milchwirtschaft und eines erheblichen Selektionsdrucks ist bis heute immer noch nicht die gesamte europäische Bevölkerung laktosetolerant. 
  • Und noch ein Blick in die Anthropologie: In vorindustriellen Kulturen mit unentwickelter medizinischer Versorgung ist sowohl die Geburten- als auch Sterberate hoch. Hinzu kommt, dass Kinder so lange als Altersvorsorge dien(t)en, bis ein Verwaltungsstaat mit entsprechendem Sozialsystem etabliert ist. Sobald sich ein Staat zu einer Industrie- und Technologiegesellschaft entwickelt, sinkt zuerst die Sterberate. Erst mit den nächsten beiden Schritten - Entwicklung des Sozialstaates und Etablierung einer Bildungsgesellschaft - sinkt die Geburtenrate ebenfalls. Dazwischen liegt also eine Phase eines deutlichen bis erheblichen Bevölkerungswachstums. Diesen sog. "demographischen Übergang" hat Europa hinter sich, die Drittwelt- und Schwellenländer (und mitnichten pauschal nur Afrika!) stecken mittendrin. Kurz: Wieviele Nachkommen in die Welt gesetzt werden, ist eine individuelle Entscheidung, die durch sozioökonomische Randbedingungen beeinflusst wird, keine genetische Veranlagung und somit auch nicht Ausdruck einer "r-/K-Strategie". 
  • Letztlich: Höcke begründet nicht, was am "r-Typus" denn nun "Lebens-bejaend" sein soll und am "K-Typus" hingegen "selbst-verneinend". In der Tat liegt hier ein grober Kategorien-Fehler vor: Besagte Strategien sind erblich fixierte Verhaltensmuster aller biologischen Arten, während die anderen beiden Attribute etwas mit Weltanschauung und Lebenseinstellung zu tun haben. Lediglich der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass die Zahl der Kinder nichts mit der "Lebensfreude" oder "Selbstverneinung" der Eltern zu tun hat - dafür gibt es aus der psychologischen Forschung keinerlei Hinweise.

Kurz: Höckes Ideen sind unhaltbar, weil er sowohl auf biologischer und psychologischer wie auch auf anthropologischer und historischer Ebene an den Fakten vorbei argumentiert: Was wir an globalen Unterschieden in der Bevölkerungsdynamik sehen, beruht auf Unterschieden [a] in Wirtschaft und staatlichen bzw. gesellschaftlichen Strukturen und [b] auf unterschiedlichen Bildungsstandards.

   

Fazit


Höckes Ideen sind in der Sache unhaltbar, schlichtweg weil sie mit den Tatsachen nichts zu tun haben. Erstaunlich ist, dass Höcke als Gymnasiallehrer etliche dieser Fakten kennen müsste; z.B. der "demographische Übergang" ist Stoff der Mittelstufe. Und wenn er sich in seiner Rede auf die Biologie beruft ("etwas, das jeder Biologe nachvollziehen kann"), so hätte ihn eine simple Nachfrage bei seinen Lehrer-Kollegen aus der Biologie eines Besseren belehrt. Interessant ist, wie Höcke hier Fakten, Halbwahrheiten, verdrehte Tatsachen und Falschaussagen grob vermixt. Dies sowie seine in der Sache völlig ungerechtfertigte Berufung auf die Wissenschaft sind Merkmale pseudowissenschaftlicher Argumentation, wie man sie regelmäßig bei den verschiedensten Gruppen findet, die aus weltanschaulichen Gründen etablierte Wissenschaft ablehnen, also Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, Kreationisten, Leugnern des Klimawandels etc.

   

Abschlussbemerkung


Dieser Text widmet sich allein den wissenschaftlich fundierten Fakten, sie dienten als Grundlage der Beurteilung von Höckes Ideen - wir sind nämlich keine Politiker; wir vertreten etablierte und fundierte Wissenschaft. An dieser Stelle sei auf einen Kommentar von Horst Kläuser (am 3.11.'15: WDR2, Rubrik "Klartext")[3] verwiesen, der eindringlich "verbale Abrüstung" angemahnt hat, und zwar auf allen Seiten. Wir sind uns auch nicht sicher, wie sinnvoll es ist, kübelweise satirische Häme über "den Rechten" auszugießen und pauschal das gesamte rechts-konservative Spektrum als rassistisch zu brandmarken. Abgesehen davon, dass dieses Keulen-Argument alleine inhaltlich ziemlich schwach ist, wird man damit viele Menschen eher noch den Rechten in die Arme treiben. Wir beschränken uns daher darauf, auf der Grundlage wissenschaftlicher Fakten zu zeigen, dass Höckes Gedankengebäude gänzlich unhaltbar sind - und dass er es eigentlich besser wissen müsste. Der Leser möge sich nun selber fragen, warum er es offenbar nötig hat, derart grob und krude mit den Fakten umzugehen. Letztlich sei bei aller politischen Zurückhaltung mit einem Satz darauf hingewiesen, dass biologistische Menschenbilder in der Politik eine mehr als unheilvolle Geschichte haben, von der Kulturarroganz der frühesten Hochkulturen über Imperialismus und Eroberungs- und Vernichtungspolitik bis zu den nicht endenden Genoziden der Neuzeit. Allein deshalb sollte man von allen Politikern ein angemessenes Maß an sprachlicher und inhaltlicher Sensibilität verlangen.    

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Fußnoten


[1]www.sueddeutsche.de/politik/afd-thueringen-blanker-rassismus-hoecke-und-die-fortpflanzung-der-afrikaner-1.2780159 sowie www.facebook.com/panorama.de/videos/723266577811015/ 

[2] "Die Länder Afrikas, sie brauchen die europäische Grenze, um zu einer ökologisch nachhaltigen Bevölkerungspolitik zu finden. […] In Afrika herrscht nämlich die sogenannte r-Strategie vor, die auf eine möglichst hohe Wachstumsrate abzielt. Dort dominiert der sogenannte Ausbreitungstyp. Und in Europa verfolgt man überwiegend die K-Strategie, die die Kapazität des Lebensraums optimal ausnutzen möchte. Hier lebt der Platzhaltertyp. Die Evolution hat Afrika und Europa vereinfacht gesagt zwei unterschiedliche Reproduktionsstrategien beschert – sehr gut nachvollziehbar für jeden Biologen." 

[3] www1.wdr.de/radio/podcasts/wdr2/audiospracheinderfluechtlingsdiskussionwerhasssaetwdrklartext100-audioplayer.html
   
  

Autor: Andreas Beyer

    

          

     

   

                       

           


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol.          08.02.2016