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Kommentar

     

Prof. John Lennox und die Regelmäßigkeit der Natur


Philosophische Gedanken zu einer parlamentarischen Ansprache

     

Ist die Naturgesetzlichkeit der Welt ein Beleg dafür, dass Gott existiert? Ist die naturalistische Evolutionstheorie ein Glaube? Gibt es einen Konflikt zwischen Naturwissenschaft und religiösem Glauben? Ist der christliche Glaube die Basis für moralisches Handeln? Diese und andere Fragen behandelte John LENNOX in einer parlamentarischen Ansprache, die er am 25.06.2013 im Britischen Westminster-Palast hielt. Auf der Internetseite der evangelikalen Studiengemeinschaft WORT UND WISSEN wurde die Predigt ins Deutsche übertragen, da sie angeblich "sehr gute Argumente gegen den Atheismus und für Wissenschaft auf der Basis von Schöpfung" sowie für "eine biblisch fundierte Ethik" enthalte; das Transkript wurde als "Diskussionsbeitrag" gekennzeichnet (1).Gehen wir also den Fragen und Antworten auf den Grund. Prüfen wir, ob LENNOX' Argumente tatsächlich halten, was die Evangelikalen sich davon versprechen.

   

Der Glaube an Gott lässt nicht zwangsläufig Naturgesetze erwarten, der Naturalismus schon


Nach der undifferenzierten Behauptung, dass die Kritik der Atheisten am christlichen Glauben im Wesentlichen aus Spott und Lästereien bestehe, beginnt die Debatte mit der Bemerkung:
"Ironischerweise war es die Bibel, die Europa mit dem Gedanken erfüllte, dass ein rationaler, intelligenter Gott das Universum geschaffen hat und erhält. Sie bereitete damit den Boden für die moderne Naturwissenschaft. ‚Menschen wurden wissenschaftlich, weil sie Gesetze in der Natur erwarteten, und sie erwarteten Gesetze in der Natur, weil sie an einen Gesetzgeber glaubten‘ (C. S. Lewis)."

Diese Aussage ist historisch falsch, und im Übrigen auch inhaltlich: Bei HERODOT finden wir die Berichte über THALES VON MILET, der anhand der Saros-Periode die Sonnenfinsternis vom 28. Mai 585 v. Chr. vorhersagte. Spätestens damit beginnt die Geschichte der Idee, dass die Natur nach festen Regeln funktioniert. Zuvor betrachtete man die Verfinsterung der Sonne noch als eine Laune der Götter! So interpretierten die Meder das Naturereignis als ein böses Omen durch eine Gottheit, während ihre Gegner, die Lyder, vorgewarnt waren und so aus der Schlacht siegreich hervorgingen.

Man muss dazu wissen, dass wir über eine "angeborene Ontologie" (= Seinslehre) verfügen, bei der wir zwischen dem Wirken von "intentionalen Agenten" und unbelebten Objekten unterscheiden (siehe BOYER 2009). Jedes Kind weiß, dass ein Ball, den man tritt, sich anders verhält und bewegt als eine Katze. Während man die Bewegung des Balls, verursacht durch den Fußtritt, relativ genau abschätzen kann, ist das beim Verhalten einer Hauskatze nicht möglich. Letztere reagiert (mehr oder weniger) willkürlich. Was man nicht streng deterministisch vorhersagen kann, unterliegt oft der Laune von Personen, oder (nach unserer angeborenen Ontologie) eben Göttern, wie z.B. einem uns wohl gesonnenen oder zornigen Wettergott, der Gewitter macht, zerstörende Tsunamis und Sintfluten verursacht, Arten hervorbringt usw.

Man kann also sagen, dass die Regelhaftigkeiten der natürlichen Umstände bzw. die Gesetzmäßigkeiten in der Natur gerade die Grundlage des Atheismus bilden, was sich bis in die Antike zurückverfolgen lässt. Bereits die Vorsokratiker betrieben eine gründliche Naturphilosophie – heute würde man "Physik" dazu sagen. Das entspringt der heidnischen Vorstellung, dass die Götter personalisierte Naturkräfte seien, die in der Natur wirken, sie aber nicht erschaffen haben. Dass die Welt nach Regeln funktioniert und nicht von den Stimmungen der Gottheiten abhängt, führte zum Atheismus bei einigen Vorsokratikern. So haben Naturphilosophen wie HERAKLIT, LEUKIPP und DEMOKRIT, die Vorgänge in der Welt materialistisch interpretiert. Ihre Lehre hat das wissenschaftliche Weltbild der Gegenwart entscheidend beeinflusst.

Die Behauptung, dass ausgerechnet der Glaube an einen übernatürlichen "Gesetzgeber", noch dazu die Bibel, den Boden für die moderne Naturwissenschaft bereitete, ist somit nachweislich falsch. Im Gegenteil, die christlich-teleologische Denkweise des Mittelalters sowie die Allmacht der christlichen Kirche brachten die Wissenschaften Jahrhundertelang zum Stillstand, wie die Fälle Giordano BRUNO und Galileo GALILEI beweisen. Die Naturwissenschaften der Renaissance und Neuzeit begannen erst zu florieren, nachdem Übernatürliches sukzessive daraus verschwand.

   

Ignoranz ist kein Beweis für Gott


Denn in den Vorstellungen der Schöpfergottgläubigen verbirgt sich ein logischer Widerspruch: Einerseits werden die mechanischen Ordnungsprinzipien der Welt als ein Indiz für Gott angesehen. Andererseits gilt ebenso eine Laune der Natur, ein Wunder, als ein Nachweis für Gott. Im Grunde ist beides ein Argument aus Ignoranz: Wir wissen nicht, was die Ursache für die Naturgesetze ist – also war es Gott. Wir wissen nicht, woher ein "Verstoß" gegen die Regeln herstammt – folglich war es Gott. Man kann aber nicht beides gleichzeitig haben: Wenn alles und sein Gegenteil etwas beweist, ist der Beweis wertlos! Denn wenn es keinen Schöpfergott gibt, dann muss es zwangsläufig so sein, dass die Natur nach festen Prinzipien (Naturgesetzen) funktioniert. Die Tatsache, dass wir hier sind, Wissenschaft betreiben können, ist ein Beleg für diesen Umstand. Mehr Indizien werden nicht benötigt (siehe VOLLMER 2003). Hinzu kommt, dass man für die Herkunft der Naturgesetze keinen Gott braucht (siehe STENGER 2006).

Es wäre in der Tat ein harscher Widerspruch, seinen Atheismus aus der Rationalität heraus zu begründen, aber gleichzeitig anzunehmen, dass die Natur nicht nach festen Prinzipien funktioniert. Ich kenne keinen Atheisten, der diese Auffassung vertritt, folglich führt LENNOX hier ein Strohmann-Argument ein. Im Grunde ist die Vorstellung, dass die Welt nach mechanischen oder zumindest statistischen Gesetzen arbeitet, in der das Eingreifen übernatürlicher Instanzen überflüssig ist, bereits die Grundlage des Naturalismus bzw. Atheismus.

Die alten Heiden betrachteten Götter als Teil der Natur, nicht als etwas, was "über" ihr steht. Das reicht als Anstoß aus, um die Regularien der Welt zu erforschen. Man benötigt dazu keine supernaturalistischen Pseudoerklärungen. Im Gegenteil: Da übernatürlich ein Synonym ist für "wir wissen es nicht", wird jede Erklärung unbrauchbar, wenn wir Ignoranz als ihr Fundament ansehen. Auch ohne Christentum gab es geschichtlich die ersten Anlässe, Naturwissenschaft bzw. Naturphilosophie zu betreiben, sodass dieses Argument von LENNOX historisch und sachlich falsch ist. Dass ein intelligenter Mensch wie LENNOX einen solchen Widerspruch vertritt, kann man auf Verzweiflung zurückführen. Der Atheismus muss keineswegs
"… klein beigeben, wenn er mit dem Gott konfrontiert wird, der das kreative Wort ist und der das Universum verstehbar gemacht hat."

Erstaunlich, dass ausgerechnet nicht begreifbare Ereignisse als Beweis für den Schöpfer angesehen werden.

   

Konflikt zwischen rational gerechtfertigtem Glauben und nicht rational gerechtfertigtem Glauben

"Mittlerweile sollte klar sein, dass nicht notwendigerweise ein Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Gott besteht. Der Konflikt besteht eigentlich zwischen Weltanschauungen: Atheismus und Theismus."

Einen Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Gott gibt es immer dann, wenn man ein supernaturalistisches Geistwesen als Ursache weltlicher Vorgänge postuliert. Natürliche Gesetzmäßigkeiten, die man schon erkannt hat (Evolution), die dann ersetzt werden sollen durch willkürliche Launen eines außerkosmischen Aliens (Kreationismus) provozieren einen Streit. Die Heiden hatten dieses Problem nicht. Wobei man anmerken muss: Bezüglich eines übernatürlichen Schöpfergottes war und ist die Mehrheit der Heiden atheistisch eingestellt. Das warf man ihnen später von christlicher Seite vor.

Der Konflikt besteht nicht nur zwischen Theismus und Atheismus, sondern zwischen den Erklärungen der Naturwissenschaft – die nur beobachtbare, messbare Fakten zu ihren Theorien heranziehen dürfen. Zu jeder wissenschaftlichen Anschauung kann man einen Gegensatz konstruieren, indem man nicht überprüfbare Wesen einbaut. Gravitation könnte auch durch einen Dämonen im Innern der Sterne und Planeten entstehen, der Materie ansaugt. Die Anzahl solcher möglichen Pseudoerklärungen ist unvorstellbar groß, so wie umgekehrt die Wahrscheinlichkeit, dass diese wahr sind, entsprechend unendlich klein ist.

Ansonsten, wenn man X postuliert, das einen Einfluss auf die Welt hat – gleich welcher Art – lässt sich die Existenz von X anhand der Wirkung nachweisen. Kann man dies nicht, existiert X nicht, diese Haltung entspricht der allgemein üblichen Methodologie. Nach diesem bewährten philosophisch-wissenschaftlichen Prinzip hat Gott nichts in den Naturwissenschaften zu suchen. Könnte man eine Auswirkung nachweisen, etwa beim Beten, müssten auch Wissenschaftler die Möglichkeit, dass der angebetete Gott vorhanden ist, in Betracht ziehen. Alle bisherigen Versuche in dieser Richtung verliefen indes negativ. Wie man Übernatürliches mit wissenschaftlichen Methoden beweisen kann, erläutert STENGER in STENGER (2007). Ob das Nachzuweisende transzendent, rein geistig, esoterisch, supernaturalistisch, unsichtbar oder sonst was ist, spielt im Gegensatz zu populären Fehlurteilen keine Rolle!

Nun folgt die übliche Taktik, den Atheismus als einen "Glauben" hinzustellen:
"[D]as wissenschaftliche Arbeiten erfordert Glauben, dass man überhaupt wissenschaftlich arbeiten kann, was wiederum erfordert, dass wir uns auf unsere menschlichen kognitiven Fähigkeiten verlassen können. Laut atheistischer Lehre sind diese Fähigkeiten Produkte geistloser, ungelenkter, natürlicher Prozesse. Wenn das der Fall ist, warum sollte ich irgendetwas glauben, was sie mir erzählen? Wenn Sie glauben würden, Ihr Computer sei das Produkt geistloser Prozesse, würden Sie ihm vertrauen?"

Diese Art der Faktenverdrehung in für viele Theisten typisch. Nur taugt ein Computer nicht als Analogon zum menschlichen Intellekt, weil es bei Computern (im Gegensatz zur Evolution des Menschen und seines Gehirns) keine Mutation, kein Wachstum, keine Selbstvermehrung und vor allen Dingen keine natürliche Auslese gibt. Wären dagegen Computer zur Selbstorganisation befähigte Maschinen und ihre neuronalen Programme selbst-optimierend, warum sollte man ihnen dann nicht vertrauen? Es ist bezeichnend für Theisten wie LENNOX, dass sie beharrlich den Zufall in der "atheistischen Lehre" heraus zu streichen, die Notwendigkeiten und steuernden Einflüsse in der Evolution, die den Zufall zähmen (insbesondere die Selektion) dagegen ignorieren. Dadurch wird jeder Vergleich, der darauf abzielt, dem Naturalismus die naive Position unterzuschieben, Gedanken seien nur "bedeutungslose Schaltvorgänge an Synapsen im Hirn", Makulatur.

Etwas Bedeutsames wird für uns nicht dadurch bedeutungslos, dass es nicht gottgewollt ist. Genauso wenig ist für uns das Ziel und der Sinn des Lebens Gott, sondern das Leben selbst – sein Fortbestand in kommenden Generationen und das, was wir ihm an positiven Momenten, Freundschaften, Beziehungen, übergeordneten Zielen und Höhepunkten abgewinnen (EPIKUR). Die christliche Ethik hingegen normiert nicht selten an den Bedürfnissen des Menschen vorbei (Stichwort: Sexualethik und Askese) und vertröstet ihn auf ein "Leben nach dem Tod", womit wir bei MARX angelangt wären: Religion bietet, objektiv betrachtet, keine Perspektiven, sondern ist Quell metaphysischer Illusion, eine Art Opium für das Volk, Trostpflaster und Beruhigungstablette für den Geknechteten, Unterdrückten, Hoffnungslosen. Es bietet nichts, was eine gute Psychotherapie nicht auch leisten könnte. (2)

Im Zentrum der "atheistischen Lehre" (genauer gesagt, des wissenschaftlichen Naturalismus), steht übrigens auch nicht der "Glaube" an "geistlose, ungelenkte Prozesse", sondern das Fehlen des ungerechtfertigten Glaubens an Götter, Geister, Dämonen, Hobbits, Elfen usw. sowie an deren Einflüsse auf das Weltgeschehen. Warum das Fehlen eines solchen Wunderglaubens, insbesondere das Glauben an einen Gott, selbst ein Glaube sein soll, bleibt unerfindlich. Das Fehlen eines Autos betrachten wir normalerweise auch nicht als Autobesitz! Man muss dazu zwei Arten von Glauben unterscheiden, die hier heillos durcheinander geworfen werden:

• Glauben, der auf Argumenten, auf Beweisen, auf Evidenzen, auf Wohlbegründetem basiert. Dies bezeichnet man als "gerechtfertigten Glauben" – in der Philosophie die Definition des Wortes "Wissen". Das kommt in den verschiedensten Graden der Gewissheit, die nie absolut sein kann. Dies bezeichne ich als "Alltagsglauben".

• Davon abgrenzen muss man den religiösen Glauben, der auf rationale Rechtfertigung verzichtet.

Davon möchte LENNOX freilich nichts wissen:
"Das Christentum beruht auf Beweisen. Lukas, der sich als hervorragender Historiker erwiesen hat, berichtet dem hohen römischen Beamten Theophilus, dass er alles von Anfang an genau verfolgt hat, damit Theophilus Gewissheit hat über das, was er glaubt. Lukas berichtet auch von Paulus’ Behauptung gegenüber den Philosophen in Athen, dass Gott durch die Totenauferweckung Jesu jedem bewies: Jesus war der, der er behauptete zu sein. Zu dieser historischen Beweisführung tritt die persönliche Erfahrung. Denn Glaube an Gott ist gemäß der christlichen Lehre bei weitem nicht blind, sondern rationales, persönliches Vertrauen, das auf vielfältigen Beweisen basiert."

Ausgerechnet LUKAS als Indiz anzuführen, dass der christliche Glauben auf Beweisen beruht, ist eine Irreführung: Vielmehr fußt er auf Behauptungen eines anonymen antiken Autors, für die es keine unabhängigen Indizien gibt. Religion schließt Vernunft nicht unbedingt aus, aber hier ist dies ohne Frage der Fall, wenn man Behauptungen und Beweis miteinander verwechselt.

   

Konsequenzen und Wunschdenken


Es wird nicht besser, wenn man seine Weltanschauung von den Konsequenzen her zu "begründen" sucht. Denn dies führt zu nichts weiter als zu einem "illusionären Denken als Magd der Wunscherfüllung" (ALBERT 2000; ALBERT 2005). Etwas wird nicht wahr, weil die Folgen wünschenswert sind, oder unwahr, weil das nicht der Fall ist. Das wird vor allem interessant vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es keineswegs bewiesen ist, dass die Religion so positive Auswirkungen hat. Das ist bereits Bestandteil einer Vorstellung, die auf alle Beweise verzichtet:
"Der britische Großrabbiner Jonathan Sacks wies kürzlich darauf hin, dass der größte Atheist aller Zeiten, Friedrich Nietzsche, die Konsequenzen seiner Abwendung von Gott mit erschreckender Klarheit erkannte. Aber seine derzeitigen Nachfolger haben diesbezüglich nicht einen Hauch von Ahnung. Sacks schrieb: "In seinen späteren Werken weist uns Nietzsche immer wieder darauf hin: Wenn wir den christlichen Glauben über Bord werfen, führt das zum Verschwinden der christlichen Werte. Nicht mehr ‘Liebe deinen Nächsten wie dich selbst’; stattdessen der Wille zur Macht. Nicht mehr ‘Du sollst nicht’; stattdessen leben die Menschen nach dem Naturprinzip, dass die Starken die Schwachen unterdrücken oder vernichten. … Die Werteverschiebung in unserer heutigen Gesellschaft bestätigt Nietzsche. Wir stehen in Gefahr, den Beitrag des Christentums zu den ethischen Grundfesten unserer Gesellschaft zu vergessen."

Die Wertebegründung des Christentums ist sehr problematisch, was ich an anderer Stelle ausführlich begründet habe und hier nicht wiederhole. (3) Dass aus dem Christentum heraus die Sklaverei sowohl verteidigt als auch bekämpft wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, spricht für Willkür, aber nicht für feste moralische Prinzipien.

NIETZSCHE ist der Lieblingsatheist der Theologen. Der Grund ist simpel: Man könnte aus seinen Werken herauslesen, dass die Ablehnung der christlichen Werte zum Verschwinden der Nächstenliebe und reinem Machtkalkül führt, speziell in den Abschnitten, die NIETZSCHEs Schwester gegen seinen Willen editiert hat. Das ist aber nur eine von vielen möglichen Interpretationen, und die Theologen preisen ihn, weil diese Darstellung ihnen in die Hände spielt. Vermeintlich – denn wenn man genau nachliest, wirft NIETZSCHE den Christen vor, mit ihrer Moral die Schwachen zu versklaven und dass ihre Werte rein nihilistisch sind! Will man den Nihilismus überwinden, muss man auch das Christentum (und Gott) aus dem Felde schlagen. Das haben später die Werteidealisten als Ausgangspunkt für ihren Atheismus genommen: Damit Menschen eine Moral haben können, muss diese autonom gebildet werden, wie KANT herausgearbeitet hat. Mit einem außerkosmischen Alien, das über "moralische Macht" verfügt, gibt es keine Autonomie, damit keine Moral. Will man eine Ethik begründen, muss man sich wünschen, dass es keinen Gott gibt, und selbst wenn es ihn gäbe, dürfte man nicht an ihn glauben. Denn handelt man bloß aufgrund von Belohnung (Paradies) und/oder Angst vor Bestrafung (Hölle), agiert man ohne Moral. Dieser "moralische Atheismus" wird von Theologen selbstverständlich totgeschwiegen.
"Jeder, der nicht bereit ist, einem völlig unsinnigen ethischen Subjektivismus zu verfallen, steht vor dem Dilemma, das H. P. Owen so zusammenfasst: ‚Einerseits liegen [objektive ethische] Ansprüche außerhalb einer menschlichen Person ... Es wäre andererseits widersprüchlich zu behaupten, unpersönliche Ansprüche seien unserer Zustimmung unterworfen. Die einzige Lösung für dieses Paradoxon ist die Annahme, dass die Ordnung der [objektiven ethischen] Ansprüche ... tatsächlich in der Persönlichkeit Gottes begründet ist.‘"

Ich erspare mir an dieser Stelle ein näheres Eingehen auf das von SOKRATES formulierte Eutyphron-Dilemma, da es LENNOX und Konsorten sowie ignorieren. Nur so viel: Wenn das ethisch Richtige als das Gottgefällige definiert wird, haben Begriffe wie "gut" und "richtig" keine Bedeutung mehr, sondern besagen nur, dass etwas von einer Gottheit gewollt wird. Dann wäre es auch moralisch, wahllos kleine Kinder aufzuschlitzen, wenn Gott es befehligte. LENNOX schlägt sich damit selbst alle Karten aus der Hand zu beurteilen, was gut ist und was böse. Wem es aber auf der Zunge liegt zu entgegnen, Gott würde niemals derart grausame Befehle erteilen, gibt selbst zu, dass der Bewertungsmaßstab dafür, was gut und richtig ist, außerhalb von Gott liegt.

Die Begründer des ethischen Denkens, die antiken griechischen heidnischen Philosophen, hatten dieses Problem nicht, weil ihre Götter nicht die Gebieter über die Moral waren. Das führt keineswegs zu einem ethischen Subjektivismus. Diesen finden wir im Christentum vor, weil jeder seine eigene Ansicht für die von Gott hält! (4) Christliche Moral ist die eigene, subjektive Moral, projiziert auf Gott: Die einen halten es für gerechtfertigt, Schwarze zu versklaven, die anderen, Homosexuelle zu töten, andere Nichtgläubige zu diskriminieren, wieder andere sehen darin einen Verstoß gegen das Gebot der Nächstenliebe – dies alles im Namen Gottes und der Bibel!

Besonders merkwürdig ist das Zitat von Melvyn BRAGG:
"Es befremdet mich, dass Menschen, die sich selbst Atheisten nennen … meinen, dass dies ihnen das Recht gibt, jede Menge Wissen aufzugeben, das die Menschen zweitausend Jahre hindurch belehrt und zu einigen der größten Errungenschaften, die die Menschheit je gesehen hat, geführt hat. Dieses Wissen muss in jedem Fall in Betracht gezogen werden, wenn wir überhaupt über die Vergangenheit in Bezug auf Ethik, Geschichte und Kunst nachdenken wollen."

Es geht aber gar nicht um Wissen, es geht um religiösen Glauben, als rational gerechtfertigten Glauben versus einem, dem die vernünftige Rechtfertigung fehlt. Die Moral der Historie war kein Ruhmesblatt, die historischen Entwicklungen ebenso wenig, und Kunst gäbe es auch ohne Götterverehrung. Einst war zwar die Kirche ein größerer Förderer frommer Kunst, wenn auch nur deswegen, weil sie über die finanziellen Mittel verfügte. Den Errungenschaften stehen religiöse Gräuel gegenüber; was die Bilanz angeht, kann man durchaus zu unterschiedlichen Auffassungen gelangen.

   

Die Erpressung mit der einzig möglichen Alternative


Es ist außerdem ein Fehlschluss, zu meinen, dass Gut und Böse dadurch verschwinden, dass wir auf das Christentum verzichten. Das kannten schon die alten Heiden, oder die chinesischen Bürger: Böse ist, was mir schadet, gut ist, was mir nützt. Man braucht kein außerkosmisches Alien, um eine Moral zu begründen, dazu reicht ein "Wir, die Betroffenen, haben uns auf diese gesellschaftlichen Regeln geeinigt". Ist es nicht äußerst seltsam, dass man sich für ein Fußballspiel auf Regeln einigen kann, ohne sich auf einen Gott zu berufen? Warum ist ein "Foul" böse? Warum sollte das für eine Gemeinschaft nicht funktionieren?

ALBERT nannte das Manöver von LENNOX "die Erpressung mit der einzigen Alternative", siehe ALBERT (2005). Es wird behauptet, man müsse an Gott glauben, um eine Moral und einen Sinn des Lebens zu haben – ansonsten geht unsere Zivilisation unter. Merkwürdig, dass eine seit über 4.000 Jahren kontinuierlich bestehende Gesellschaft, das chinesische Reich, nie unterging, während christlichen Imperien dies in schöner Regelmäßigkeit zugestoßen ist. Dabei wurde China zunächst von einer rein weltlichen Philosophie, dem Konfuzianismus, geprägt, dann vom Kommunismus – ohne dass man sich auf Gott oder Götter berief. Dort wusste man auch ohne Gottesbezug, dass Mord und Diebstahl böse sind und verboten werden müssen. Seltsam auch, dass die Chinesen Kriege fast ausschließlich zur Verteidigung durchführten, dieweil das christliche Europa einst die ganze Welt mit Gewalt überzog.

Interessant ist auch, dass wir in fast allen Gesellschaften die goldene Regel finden, auch ohne einen Glauben an einen mächtigen Schöpfergott. Das wird wieder als Indiz gedeutet, dass Gott allen Menschen eine Moral eingegeben hat, nur, warum bedarf die dann regelmäßig der Ergänzung und versagt so oft? Gott scheint bei der Verabreichung seiner Moral weit unter seinem Potenzial geblieben zu sein - weswegen dies eben kein Indiz für Gott ist, sondern dafür, dass Moral die Funktion hat, die Konflikte des Zusammenlebens zu regeln, um Schaden zu minimieren. Ähnliche Umstände führen dann auch zu ähnlichen Regeln, wie man daran sehen kann, dass Insekten, Vögel und Fledermäuse alle Flügel besitzen, um zu fliegen.

Gemäß der Bibel sollen die Menschen einen "unermesslichen Wert" verfügen:
"Gemäß der Bibel haben Menschen unermesslichen Wert, weil sie im Bild Gottes geschaffen sind. Das gilt, ob sie an Gott glauben oder nicht, und wird dadurch bestätigt, dass wir in jeder Religion und Philosophie dieser Welt eine Version der Goldenen Regel finden: ‘Behandle andere Menschen so, wie du behandelt werden willst.’ Meiner Erfahrung nach ist der Weg für respektvolle und doch intensive und ehrliche Diskussionen bereitet, wenn wir diese Verhaltensregel beachten."

Herr LENNOX muss eine andere Bibel gelesen haben, denn laut diesen antiken Texten sind Personen Ton in der Hand des Schöpfers. Die kann man mal schnell alle mit einer Sintflut ersäufen, oder seltsame Spiele mit ihnen treiben wie bei HIOB. Das Christentum reflektiert mit seiner Praxis im Mittelalter keineswegs die Idee eines hohen Wertes des Menschenlebens. Sicher ist nur eines – dass moralische Werte wie Freiheit und Gleichheit und der Wert jedes Einzelnen erst in den westlichen Gesellschaften Fuß zu fassen begannen, nachdem die Aufklärung Zug um Zug die alten Zöpfe christlicher Wertvorstellungen und Dogmatik abzuschneiden begann. Diese Tatsache scheinen Menschen wie LENNOX in ihren moralphilosophischen Analysen notorisch zu übersehen.

   

Fazit


Insgesamt finde ich, dass der Artikel von Prof. LENNOX mit Widersprüchen gepflastert ist, Strohmann-Argumente gegen Atheisten bemüht, und wieder versucht, uns mit "der (angeblich!) einzigen Alternative" zu erpressen. Das mag Gläubige, die ja gerne auf Beweise und Argumente verzichten, überzeugen, aber auf Atheisten wie mich wirkt es bestenfalls lächerlich. Darüber hat sich Prof. LENNOX gleich zu Beginn beschwert, aber mein Rat lautet: Wenn man nicht will, dass sich andere über den Glauben lustig machen, sollte man nicht so lustige Dinge glauben. Außerdem, über die Wahrheit und über Tatsachen kann man sich nicht lustig machen, was bedeutet, dass der Glauben weder auf dem einen noch dem anderen beruht.      


Literatur


ALBERT, H. (2000) Kritischer Rationalismus: Vier Kapitel zur Kritik illusionären Denkens. Uni-Taschenbücher 2138. Tübingen: Mohr Siebeck. http://books.google.de/books?id=U98PAQAAIAAJ.

ALBERT, H. (2005) Das Elend der Theologie: Kritische Auseinandersetzung mit Hans KÜNG. Aschaffenburg: Alibri.

BOYER, P.; ENDERWITZ, U. (2009) Und Mensch schuf Gott. Stuttgart: Klett-Cotta.

STENGER, V.J. (2006) The comprehensible cosmos: Where do the laws of physics come from? Amherst, N.Y.: Prometheus Books.

STENGER, V.J. (2007) God: the failed hypothesis: How science shows that god does not exist. Amherst, N.Y.: Prometheus Books.

VOLLMER, G. (2003) Wieso können wir die Welt erkennen? Neue Beiträge zur Wissenschaftstheorie. Stuttgart: Hirzel. http://books.google.de/books?id=s3s4AQAAIAAJ.

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Fußnoten


(1) http://www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=disk/d13/3/d13-3.html

(2) Im Gegenteil, die Wirksamkeit verhaltenstherapeutischer Maßnahmen ist erwiesen und positiv, was sich von religiösen Erziehungsmethoden (einschließlich der Androhung ewiger Höllenqualen) nicht gerade behaupten lässt. Nicht selten müssen Therapeuten gerade das ausbügeln, was religiöse Erziehung bei Kindern angerichtet hat.

(3) Siehe: http://www.dittmar-online.net/moralprobleme.html sowie: http://www.dittmar-online.net/werte1.html.

(4) Siehe: http://epiphenom.fieldofscience.com/2009/12/what-you-want-god-wants.html
   

   

Autor: Volker Dittmar

     

          

     

   

                       

           


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol.          27.02.2014